Ich kenne diese Zustände, in denen sich das Leben stimmig anfühlt.
Der Körper ist reguliert, das Herz offen, die Energie fließt. Arbeit, Beziehung, Sinn – alles scheint am richtigen Platz. So darf es bleiben, denke ich dann. Und für eine Weile fühlt es sich auch genau so an.
Bis etwas kippt.
Oft ist es kein großes Ereignis.
Es ist ein leises Gefühl, kaum wahrnehmbar. Ein Gedanke, der sich dazwischenschiebt. Und plötzlich bin ich im Frust. In inneren Sätzen wie: Es macht keinen Sinn. Ich bin nicht genug. Ich schaffe das nicht.
Ich lande im Loch, das ich gut kenne.
Ich weiß, wie sich dieses Loch anfühlt.
Und ich weiß auch, wie leicht es ist, dort hängen zu bleiben – besonders dann, wenn im Außen eigentlich alles „gut genug“ aussieht: eine gute Partnerschaft, ein sicherer Job, Verantwortung, Kompetenz, nette Freunde.
Was mir immer wieder hilft, ist dieser eine Perspektivwechsel:
Nichts bleibt, wie es ist. Alles ist im Wandel.
Der entscheidende Punkt liegt für mich nicht darin, den Frust loszuwerden, sondern ihn bewusst zu erforschen.
Wo war ich innerlich, bevor es gekippt ist?
Was hat mein Körper signalisiert, noch bevor der Gedanke kam?
Und an welcher Stelle bin ich – vielleicht ganz leise – von mir selbst weggegangen?
Oft zeigt sich dabei etwas sehr Wesentliches:
Meine Seele ist weiterhin ruhig und lebendig, doch mein Ego stolpert über die Lücke zwischen Vorstellung und Realität. Genau hier entsteht Spannung. Und genau hier liegt Potenzial.
Im Dazwischen von Lust und Frust wird Energie frei.
Diese Energie war vorher gebunden in Anpassung, Durchhalten, innerem Druck oder alten Rollenbildern. Wenn hinderliche Muster sichtbar werden, ohne sie zu bekämpfen, beginnt sich etwas zu lösen. Plötzlich steht diese Energie wieder zur Verfügung: für Klarheit, neue Ausrichtung, mutige Entscheidungen und ein stimmigeres Weitergehen – beruflich wie persönlich.
An diesen Prozess erinnert mich immer wieder eine kurze Geschichte von Portia Nelson:
Autobiografie in fünf Kapiteln
Kapitel 1
Ich gehe die Straße entlang.
In der Straße ist ein tiefes Loch.
Ich falle hinein.
Ich fühle mich verloren – ich bin hilflos.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert ewig, wieder herauszufinden.
Kapitel 2
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
In der Straße ist ein tiefes Loch.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, dass ich wieder an diesem Ort bin.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Es dauert immer noch lange, bis ich wieder herausgefunden habe.
Kapitel 3
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
In der Straße ist ein tiefes Loch.
Ich sehe es.
Ich falle trotzdem hinein – es ist eine Gewohnheit.
Meine Augen sind offen, ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine Verantwortung.
Ich klettere sofort wieder heraus.
Kapitel 4
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
In der Straße ist ein tiefes Loch.
Ich gehe um es herum.
Kapitel 5
Ich nehme eine andere Straße.
Diese Geschichte berührt mich, weil sie zeigt:
Entwicklung heißt nicht, nie mehr zu fallen.
Sie bedeutet, früher wahrzunehmen. Verantwortung zu übernehmen. Und irgendwann andere Wege zu wählen.
Statt immer wieder in dieselben inneren Löcher zu stürzen, eröffnet bewusstes Beobachten und Spüren neue Möglichkeiten – von innen nach außen. Die Antworten auf deine Fragen liegen in dir. Der Körper kennt den Weg. Und genau dort, wo es sich gerade eng oder frustrierend anfühlt, wartet die Energie, die deinen nächsten Schritt möglich macht.