Wenn die Hitze etwas sichtbar macht

Über das Loslassen, was nicht mehr trägt, und das, was dadurch wachsen kann

Es ist August – normalerweise ein Sommermonat zwischen grosser Hitze und den ersten Zeichen des Altweibersommers. In diesem Jahr fühlt sich vieles anders an. Die anhaltende Hitze fordert mich heraus: Sie lädt nicht nur zum Sein und Nichtstun ein, sondern verlangt Anpassung. Ich kann nicht einfach weitermachen wie bisher.

Ich merke das ganz konkret: Wann bin ich aktiv, wann ziehe ich mich zurück? Was tut meinem Körper jetzt gut? Wann brauche ich Schatten, wann Licht und Begegnung? Die Natur macht es uns vor. Auch sie passt sich an die veränderten Bedingungen an.

In meinem Garten beobachte ich zum Beispiel, dass Tomaten und Zucchini in diesem Jahr eine dickere Schale entwickelt haben – vielleicht, um sich besser vor dem Austrocknen zu schützen. Ich finde dieses Bild faszinierend: eine natürliche Form von Abgrenzung. Und sofort frage ich mich: Wo wäre eine solche stärkere Abgrenzung gerade auch für mich sinnvoll?

Gleichzeitig wächst in meinem Garten vieles kaum oder gar nicht. Manche Samen sind noch nicht aufgegangen, meine Kürbisse bleiben klein. Trotz Wasser und Fürsorge scheint die Natur zu sagen: Jetzt ist nicht die Zeit für Wachstum. Erst einmal innehalten.

Besonders berühren mich in diesem Sommer die Bäume. In Parks und am Waldrand sehe ich immer häufiger die Hinweise «Vorsicht Astabbruch». Bei grosser und anhaltender Hitze kann ein Baum nicht mehr alles versorgen. Er lässt Äste und Früchte los, um das Ganze zu erhalten. Nicht alles kann weitergetragen werden. Das Loslassen dient dem Überleben und dem zukünftigen Wachstum.

Auch bei mir hat diese Hitze etwas sichtbar gemacht. Was sich bisher gut verborgen hielt, kommt stärker an die Oberfläche. Alte Verhaltensmuster und Glaubenssätze, Ängste und Zweifel, Gefühle wie Schuld oder Scham – all das wird durch die Hitze dieses Sommers für mich wie unter einem Brennglas sichtbar.

Ich forsche gerade an Themen, die sich bisher nur zäh bewegen liessen: Darf ich geniessen, ohne mich für die Gefühle anderer verantwortlich zu fühlen? Darf ich mich zeigen und meinen Raum einnehmen, ohne mich aus Loyalität kleinzuhalten?

Manchmal tut dieses genauere Hinschauen richtig weh. Und manchmal erkenne ich, dass ich mir selbst mehr weh tue aus Angst, jemand anderem wehzutun, als tatsächlich nötig wäre.

Vom Verstehen weiss ich das inzwischen: Entdecken ist das eine, verstehen das andere. Aber wahrhaft losgelassen wird über den Körper. Und hier lade ich auch das Neue ein, integriere es – nicht über den Kopf, das Ego oder den Willen, sondern über das Empfänglichsein für die ganz eigene Körperweisheit, die den Weg und die nächsten Schritte kennt.

Mich darauf einlassen. Mich von innen führen lassen. Mir ein Umfeld gönnen, das mich unterstützt und trägt. Und die Unebenheiten des Lebens als Einladung verstehen, zu heilen.

So wächst mein Vertrauen ins Leben, in das Geschehen in mir und um mich. So wandelt sich auch das Klima in mir. Anpassung geschieht, ohne dass ich alles vorher wissen muss. Ich werde geführt durch alle Klippen – in meinem Tempo und zu meinem Ziel –, indem sich dabei mein Potenzial entfaltet. Und zwar das, was jetzt gerade gebraucht wird: in diesem Moment, Schritt für Schritt – fördernd und fordernd, ohne Überforderung.

Vielleicht möchtest du solchen Fragen auch für dich ein wenig nachgehen. Nicht unbedingt, um sofort eine Antwort zu finden, sondern um neugierig zu werden: Was zeigt sich, wenn du genauer hinschaust? Was möchte gesehen, gefühlt oder vielleicht auch losgelassen werden?

Fragen zum tiefer Gehen – wo ein neuer Schritt ansteht:

  • Was blockiert mich gerade, und ich komme nicht weiter?
  • Welche Hürden begegnen mir immer wieder und ich scheitere bisher daran?
  • Was will mir nie gelingen, obwohl ich es mir schon so lange wünsche und so viel dafür tue?

Wenn du magst, kannst du gerne etwas in den Kommentaren oder mit mir teilen.

2 Kommentare zu „Wenn die Hitze etwas sichtbar macht“

  1. Liebe Ingrid, wieder einmal wunderbar in Worte gefasst, das mich angeht, anregt und bewegt. Dieses Mal werde ich den Text sogar an meine beiden erwachsenen Töchter weiterleiten – etwas das ich äusserst selten tue. Herzlichst Sabine

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    • Das freut mich sehr, liebe Sabine. Und ganz besonders, dass du den Text sogar an deine beiden Töchter weiterleitest. Danke dir fürs Weiterempfehlen und Teilen!

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