Seit geraumer Zeit beschäftige ich mich mit dem Thema Schwellen und Übergänge. Auch heute fällt mir dazu ein Text ins Postfach, in dem der heutige Dunkelmond als Schwellentag beschrieben wird.
Beim Wort Schwelle fallen mir spontan zwei Ausdrücke und Bilder ein:
«Das Alte trägt nicht mehr – das Neue ist noch nicht da – dazwischen ist eine Lücke. Dieser Raum steht für das Unbekannte, das Nichts bzw. ein Meer an Möglichkeiten.»
und
«Das Alte trägt noch und das Neue ist bereits da».
Beides skizziert den Schnittpunkt von Alt und Neu. In beiden Bildern gibt es diese Nahtstelle – mal weiter auseinander, mal näher beisammen.
Doch in beiden braucht es einen Entschluss, eine Bereitschaft, über diese Nahtstelle zu gehen: den Schritt über die Schwelle vom Alten ins Neue. Und dann die aktive Umsetzung ins Handeln.
Kürzlich habe ich ein Zitat gelesen, das diesen Moment für mich gut ausdrückt:
«An der Schwelle zu stehen ist eine Art Klärung, die wir selten bewusst aushalten – die uns zeitgleich fordert, ganz genau zu prüfen, wohin unsere nächsten Schritte uns tragen werden.»
Ein Bild vom Kartoffelfeld
In mir taucht ein Bild aus Kindertagen auf, als ich auf dem Kartoffelacker mitgeholfen habe.
Es ist September. Die Pflanzen sind abgestorben, das Alte geht. Die Kartoffeln werden ausgegraben und geerntet. Die faulen und kaputten Kartoffeln bleiben auf dem Feld und werden untergegraben. Dieses Aussortieren ist kein Verlust. Eher eine Aufwertung zum Kompost und zur Bodenverbesserung.
Beim Sammeln der guten Kartoffeln wird ein Teil der schönsten ausgelesen als Grundlage für die Neubepflanzung im nächsten Jahr. Ein anderer Teil ist für den Verzehr bestimmt. Er wird einverleibt, integriert. Die Legekartoffeln warten an einem passenden, geschützten Ort, bis die Zeit reif ist. Erst dann werden sie wieder in guten Nährboden gelegt und dürfen wachsen.
Nicht alles Alte wird also einfach weggeworfen. Ein Teil wird zu neuem Nährboden, ein Teil wird integriert und ein anderer Teil als Samen für das Kommende bewahrt.
Die Türschwelle
Ein weiteres Bild ist die Türschwelle.
Ich stehe in einem altbekannten Raum, vor mir eine Tür in einen anderen Raum. Möchte ich neue Erfahrungen machen und mein Feld erweitern, öffne ich die Tür. Zwischen dem alten und dem neuen Raum liegt die Schwelle.
Ich gehe darüber und betrete den neuen Raum. Ein Schritt – das Alte trägt noch, das Neue ist bereits da. Und doch kann ich an dieser Schwelle stolpern. Ich kann unbewusst darüber hinweggehen oder sie bewusst überschreiten, den neuen Raum betreten, ihn erkunden und nach und nach einnehmen.
An der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt
Ein neuer Lebensabschnitt kann auch mit einem Umzug an einen neuen Ort oder in eine neue Wohnung verbunden sein.
Es ist wie bei den Möbeln beim Umzug. Manche haben ausgedient und dürfen weitergegeben werden, andere kommen mit oder neu dazu. Manches passt nicht mehr in den neuen Raum, anderes bekommt dort einen neuen Platz.
Ob mit oder ohne äusseren Umzug – auch innerlich kann sich eine solche Schwelle zeigen.
Was zeigt sich an einer Schwelle?
In all diesen Bildern begegnet mir etwas Ähnliches: An einer Schwelle treffen Altes und Neues aufeinander. Und damit stellt sich die Frage, wie ich mit dem umgehe, was bisher war.
Loslassen heisst für mich dabei nicht, mich vom Vergangenen abzuschneiden. Vielmehr geht es darum, genauer hinzuschauen:
Was war gut und möchte gewürdigt werden?
Was war nicht möglich und darf betrauert werden?
Was ist überholt und kann verabschiedet werden?
Was möchte ich mitnehmen und integrieren?
Und was bewahre ich als Samen für etwas Neues?
Oder ganz konkret auf mein heutiges Leben bezogen:
Was will wirklich von mir getragen werden und was hält mich nur auf Trab, ohne mich weiterzubringen?
Diese Fragen müssen nicht sofort beantwortet werden. Doch sie bewusst zu bewegen, macht für mich Sinn. Denn ohne dieses Hinschauen können sich alte Muster und Strategien wiederholen, obwohl sie längst nicht mehr dienen.
Genau hinzuschauen hilft mir zu unterscheiden. Und diese Genauigkeit erdet.
«Du beginnst zu merken, dass nicht alles, was du tust, dir dient und nicht alles, was du weglässt, ein Verlust ist»
So kann nach und nach eine innere Ausrichtung und ein Spürsinn entstehen: Das gehört zu mir. Und das darf sich lösen.
Zwischen zwei Polen
Eine Schwelle hat zwei Seiten. Ich könnte auch sagen: «zwei Pole», die eine Achse bilden. Spannend finde ich, was entstehen kann, wenn diese beiden Pole nicht vorschnell gegeneinander ausgespielt werden, sondern nebeneinander stehen dürfen.
Zum Beispiel: Was habe ich schon immer so gemacht – und was möchte ich gerne anders machen?
Es geht für mich nicht darum, das Alte einfach gegen das Neue auszutauschen. In der Auseinandersetzung mit beiden Seiten kann etwas Neues, Eigenes entstehen – ein authentischer Ausdruck und ein stimmiger Weg.
Diese Spannung zwischen den Polen ist nicht immer angenehm. Manchmal zeigt sie sehr deutlich, was nicht mehr passt oder wo etwas gelöst werden möchte. Für mich liegt darin auch eine Chance: nicht sofort eine Antwort finden zu müssen, sondern genauer hinzuhören.
Vielleicht zeigt sich darin eine Perle – etwas Eigenes, das vorher noch nicht sichtbar war.
Wenn ich den unangenehmen Seiten nicht gleich ausweiche, sondern mich ihnen zuwende und ihnen lausche, entsteht oft mehr Klarheit und ein Spürsinn dafür, was bleiben darf, was sich lösen möchte und welcher nächste Schritt sich stimmig anfühlt.
Und dann diesen nächsten Schritt auf dem eigenen Weg auch zu wagen und zu gehen.